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Schloss Johannisberg

Doppeltes Comeback im Rheingau

Als unsere Tester vor einem halben Jahr die Gutsschänke Schloss Johannisberg für RHEIN-MAIN GEHT AUS! 2017 aufsuchten, hatten sie Furchtbares zu berichten. Die Ermittler kehrten nun an den Tatort zurück.

Wenn eine kleine Pizzeria in Hanau schlechte Pizza bereitet, dann ist das höchstens ärgerlich. Wenn man aber Genießer vor Schloss Johannisberg warnen muss, dann gleicht das einer mittleren Katastrophe. Das Restaurant befindet sich auf historischem Grund: Nicht nur soll hier im 18. Jahrhundert die Spätlese entdeckt worden sein, an den Hängen vor dem Barockschloss reift auch heute noch ein Tropfen heran, der für traditionelle Weinliebhaber den Goldstandard für deutschen Riesling schlechthin bildet. Nun gehört zu einem guten Wein auch ein guter Teller, und für den soll jetzt Dirk Schröer sorgen. Der neue Küchenchef ist der Grund, warum wir schon nach relativ kurzer Zeit zurückkehren, denn nachdem Schröer für die benachbarte Burg Schwarzenstein einen Michelin-Stern erkochen konnte, musste er dort Nils Henkel weichen. Für den Rheingau ist es auf jeden Fall ein Gewinn, dass Schröer in der Region gehalten werden konnte, aber ob es ihm gelingen kann, die Schlossschänke zurück zu altem Ruhm zu führen?
Gespannt betreten wir den hell renovierten Gastsaal. Der internationale Ruhm der Lage ist hier sogar hörbar: Rechts von unserem Tisch wird Chinesisch gesprochen, links Japanisch. Unverändert traumhaft ist der Ausblick aus der komplett verglasten Terrasse. Im Licht der untergehenden Sonne überblicken wir das Finale des Oberrheines von Mainz bis Bingen. Als Aperitif wird uns Kir Metternich (7,50 €) empfohlen, den wir dankend im Empfang nehmen. Das ist dann leider die letzte brauchbare Weinempfehlung der Bedienung, die sich überraschend wenig im großartigen Weinkeller auskennt. Doch bevor wir uns daran stören könnten, gibt es zwei Tische weiter erst einmal einen Heiratsantrag mit großem Strauß Rosen (Sie sagte Ja) und dann kommen bereits die Vorspeisen. Wir bekommen hausgebeizten Lachs mit Sauerrahm, Rucola und Kartoffelchips (16,50 €) und roh mariniertes Rinderfilet mit eingelegtem Sellerie, Lauch und Kräutern (17 €). Hätte die Bedienung uns nicht erzählt, dass ihr der Lachs-Rucola-Turm auf dem Weg zum Tisch umgestürzt ist, hätten wir das Arrangement als Absicht akzeptiert. Definitiv Absicht ist das Geschmackserlebnis: Hier wurde erstklassig abgeschmeckt. Die natürlichen Aromen der Zutaten sind präsent und tönen in angenehmer Reihenfolge hintereinander auf und ab. Nur bei wirklich guten Köchen fallen Sätze wie „toll, wie kräftig die Sellerieknolle nach Sellerie schmeckt.“ Highlight der ersten Runde ist aber der erdige Dreiklang aus Kartoffel, Rucola und gebeiztem Lachs.
Auch wenn die hervorragenden Vorspeisen dem schon fast widersprechen mögen: Sterneküche will man hier keine bieten, kündigte Geschäftsführer Stephan Kuffler an. Dirk Schröer hat die Mission, vom vorbeiflanierenden Wanderer bis zum anspruchsvollen Weinfreund alle Gäste entsprechend zu bewirten. Wir nehmen diese Ankündigung beim Wort und bestellen das als „Schlossschänkenklassiker“ (eine versteckte Drohung?) angekündigte Wiener Schnitzel (24,50 €) und als anspruchsvollere Herausforderung Steinbutt in Minestrone mit Orecchiette von der Wochenkarte (28,50 €). Der Fisch begeistert erneut mit klassischen Küchentugenden: Die nussigen Aromen des Steinbutts verlaufen fabelhaft mit den Tomaten- und Paprikatönen der frischen Minestrone. Das Wiener Schnitzel mit Preiselbeeren und Kartoffelgurkensalat mag keine kreative Meisterleistung sein, ist aber eine handwerkliche und sogar der Kartoffelsalat weiß hier zu begeistern. Beim Dessert fällt dann sämtliche Haute Cuisine-Zurückhaltung: Die „Leicht gelierte Suppe vom Fürst von Metternich Riesling Sekt mit Rhabarber“ (10,50 €) zündet mit Eiscreme und Sahne eine Geschmacksexplosion am Gaumen. Dazu brilliert als Dessertwein eine Riesling Auslese vom Hansenberg (0,1l/12 €). Ob die Edelsüße wirklich hier entdeckt wurde, ist umstritten, dass sie hier fabelhaft serviert wird, fakt. Das doppelte Comeback scheint gelungen: Dirk Schröer kocht nun an einer Adresse von Weltrang und wir dürfen das Schloss Johannisberg endlich feierlich von der roten Liste gefährdeter Genuss-Kulturgüter streichen!

Adresse: Schloss Johannisberg 1, 65366 Geisenheim
Telefon / Vorverkauf: 06722/96090 /
Mail: restaurant@schloss-johannisberg.de
Home: http://www.schloss-johannisberg.de
Open: Mo–So 11.30–24 Uhr
Parken: eigene
RMV: Johannisberg Bürgerhaus
Behindertengerecht: Ja
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